Galerie Arcanum
Charlottenstraße 34
D 10117 Berlin
Öffnungszeiten
Montag - Freitag 11.00 - 17.30 Uhr
Samstag 10.00 - 15.00 Uhr
aktuell

Ausstellung / Veranstaltung

Peter Strang zum 85.

Datum / Dauer

10. - 31. Juli 2021

Lange Zeit war er der Junior, heute, viele Jahrzehnte überzeugenden produktiven Schaffens sind vergangen, gehört Peter Strang zu den bedeutendsten Porzellanplastikern der Manufaktur Meissen. Dort prägt er über Jahrzehnte die zeitgenössische Porzellankunst. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts belebte er die traditionsreichen Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst neu.

Peter Strang ist nach wie vor mit vielen anderen künstlerischen Ausdrucksformen eng verbunden. Zu seinem Geburtstag schickte er uns sein neuestes Video-Interview und grüßt so seine vielen Freunde per Bildschirm. An seiner Stelle bilden Porzellane aus seiner Hand den adäquaten Rahmen zum Anstoßen.

Am 10. Juli 2021 erheben wir in der Galerie Arcanum unser Glas auf sein Wohl.

Von 12.00 bis 15.00 Uhr erwarten wir Sie, liebe Freunde.

Wenn im Berliner Humboldt Forum die ersten Besucher die neuen Räume besichtigen können, entdecken sie im Restaurant eine großflächige Wandgestaltung aus dem ehemaligen Palast der Republik. Ludwig Zepner und Peter Strang schufen diese aus einer Kombination von Böttgersteinzeug und Porzellan der Porzellan-Manufaktur Meissen. „Solche Aufträge bekommen sie nicht oft in ihrem Leben“ war das Statement Peter Strangs bei einem Interview mit der Kuratorin des „Museum des Ortes“ im Humboldt Forum.

Mit einem dreiteiligen Figurenensemble überraschte auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1968 das "Kollektiv Künstlerische Entwicklung" der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen, bestehend aus dem Designer und Leiter Ludwig Zepner, dem Porzellanmaler Heinz Werner sowie dem Plastiker Peter Strang als jüngstes Mitglied, das internationale Publikum. Seine Entstehungsgeschichte, nach dem Erfolgsstück "Der Drache" des sowjetischen Autors Jewgeni Schwarz in der Inszenierung des Schweizer Regisseurs Benno Besson am Deutschen Theater (Ost)Berlin, ist ein Stück DDR-Praxis. Nachdem der allmächtige Staats- und SED-Parteichef Walter Ulbricht beim traditionellen Leipziger Messerundgang das Fehlen werktätiger Menschen im Meissener Figurenporzellan bemängelt hatte, lösten die Künstler das Problem mit sächsischem Mutterwitz. Waren Schauspieler nicht auch arbeitende Menschen? Was lag also näher als sich diesen "Werktätigen" zuzuwenden. Vorbilder lieferten die Commedia del Arte Figuren. Die zwischen 61 und 67 cm hohen Plastiken zeigten den Drachen als alten Mann, seinen Gegenspieler Lanzelot sowie das Mädchen Elsa mit den Zügen ihrer in der DDR populären Hauptdarsteller in Anlehnung an die Bühnenkostüme. Sie stehen in der besten Meissener Tradition der Johan Joachim Kaendler, Paul Scheurich und Max Pfeiffer. Zusammen mit dem Tafelaufsatz „Titania mit Esel“ und dem tanzenden Oberon aus Shakespeares "Sommernachtstraum" des Services "Blütenträume (1969) sowie der figurenreichen Hochzeitsgesellschaft Macky Messers aus der "Dreigroschenoper"(1971) stellen diese Plastiken einen Höhepunkt künstlerischer und technischer Leistungen des Meissener Figurenporzellans der 2. H. des 20. Jh. dar. Als vollgültige eigenständige künstlerische Interpretationen theatralischer Stoffe in Porzellan gehen sie weit über das Illustrieren einer literarischen Vorlage oder Dekorieren einer Tafel hinaus. Die Darstellungen bilden jene fruchtbaren Momente ab, die das davor und danach auf der Bühne erahnen lassen und spiegeln so im statischen Gebilde dynamisches Geschehen wider.

Der Mitbegründer des Kollektivs, Peter Strang, feiert in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag. Sein Leben spielt sich bis heute von Studienreisenthüringischen Intermezzi abgesehen, zwischen dem langjährigen Arbeitsplatz in Meissen, seiner Geburtsstadt Dresden und dem Wohnsitz im nahen Moritzburg ab, also im Zentrum des sächsischen Barocks und der Wiege des europäischen Porzellans. Diese Wurzeln nimmt Strang als positives Erbe an und strebt nach einem Œuvre das solch einem Erbe gerecht wird, aber ebenso der Gegenwart und seiner Persönlichkeit gemäß ist. Prägend für die Entwicklung des Kindes, das gern zeichnete und modellierte, zu einem der bekanntesten und produktivsten Porzellanplastiker der Gegenwart, waren häufige Besuche der Vorstellungen des legendären Zirkus Sarasani, der bis zur Zerstörung Dresdens sein festes Quartier in der Elbestadt hatte und ein Besuch der Schauwerkstatt der Meissener Manufaktur als sechsjähriger. Acht Jahre später begann er dort die Lehre als Bossierer. Unmittelbar darauf folgte ein Plastikstudium an der Hochschule der Bildenden Künste Dresden bis1960. Danach kehrte Strang als Gestalter an die Manufaktur zurück. Bis zu den genannten, alles überragenden Gemeinschaftsarbeiten entstanden von ihm und dem Porzellanmaler Werner sowohl klassische Tierfiguren als auch Genredarstellungen, denn das Beharrungspotential der Meissener Manufaktur am Hergebrachten gilt geradezu als sprichwörtlich. Dennoch gelangen beiden mit orientalischen Motiven wie „Zauberpferdchen" (1967) oder "Fliegender Teppich" (1968) neue Reliefporzellane, als persönliche Weiterentwicklungen des insbesondere von ihm hoch verehrten Paul Scheurich (1883-1945) eingeschlagenen Weges. Seit1972 an war Strang künstlerischer Leiter der Manufaktur.

Zur vollen Entfaltung gelangte das schöpferische Potential der Manufaktur-Designer und Plastiker, zu denen inzwischen noch die Maler Rudi Stolle und Volkmar Brettschneider gehörten, mit der 1977 eingeführten Unikatproduktion, die helfen sollte, den chronischen Devisenmangel der DDR zu lindern. Unter diesen Vorraussetzungen, die den individuellen Schöpferkräften der einzelnen wesentlich mehr Freiheit einräumte, schuf Strang bis zur Neugründung der Manufaktur 1991und darüber hinaus bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben 2001, mehrere hundert Unikate.

In seiner Vielfalt erstreckt sich das Schaffen nicht allein über die gesamte traditionell von der Porzellankunst bearbeitete thematische Breite wozu auch das „ewig weibliche“ und dessen erotische Anziehungskraft in vielen klassischen Varianten von „Daphne“ bis „Leda“ zählt, er erschloss sich vielmehr mit dem Jahrtausendwechsel neue gegenwartsbezogene Ausdrucksweisen wie „Der amerikanische Traum“, „Vorne und Hinten“, „Sehnsucht“ oder Zwiegespräch“, alle 2000. Dabei lotete er die Möglichkeiten die ihm das Material bietet, immer tiefer aus und erweitert dessen Grenzen, wie das Porzellangitter, mit dem er das Innere einer Figur freizulegen scheint.

Zwei zentrale Motivgruppen im Œuvre Peter Strangs haben ihren Ursprung in den frühen Kindheitserlebnissen, der Zauberwelt des Zirkus und der erzählten oder vorgelesenen Märchen. Daher gehören die Artisten, Zauberkünstler und immer wieder die Clowns in den verschiedensten Gestalten zwischen Harlekin und dummen (oder pfiffigen?) August, zu den Lieblingsmotiven Strangs, in denen er wohl auch stets etwas von seinem eigenen Wesen versteckt. Während ein Harlekin von 1978 die Abkunft von den barocken Commedia dell’ Arte Porzellanen zeigt, erscheint der Clown aus dem gleichen Jahr trotz niedrigerer Unikatnummer, zwar noch zaghaft aber deutlich eigenständiger. In der 5-teiligen Clownskapelle von 1987 und den 14 Miniaturen entfaltet Strang seine überschäumende Phantasie in dem sich ekstatisch bewegenden Orchester nebst Dirigent und Sängerin vollends. Das gilt erst recht für die musizierenden Tiere und die „Mopskapelle“ (1998-2000) anknüpfend an die Meissener Affenkapelle Kaendlers Mitte des 18. Jh.. Gegenüber den organisch weichen und fließenden Gestaltungen treten mit den 1990er Jahren immer deutlicher streng elementare geometrische Köper hervor, hohe enge Röhren und schmale Pfeiler, Rechtecke und Kegelstümpfe in die sich die Gestalten auch in der Staffierung einfügen. Sie erinnern manchmal an Feiningers Figurinen aus der Vorbauhauszeit. Beispielhaft hierfür stehen die Plastiken „Venezianischer Karneval“ und „Tanzende Säulen“ (alle 1994). Zu den originellsten Schöpfungen zählt auch die „Olympia“, eine Collage aus geschnittenem Porzellan und einer Standardvasenform.

Seit 2010 steht dem Künstler unter Beteiligung der „Galerie Arcanum“ ein eigenes Studio sowie das personelle und technische Knowhow der Schwarzburger Werkstätten in der Aeltesten Volkstädter Porzellanmanufaktur“ Rudolstadt zur Verfügung, die zur Unternehmensgruppe Seltmann Weiden gehört. Hier entstanden weitere phantasievolle Porzellanfiguren, die er spielerisch aus geometrischen Elementarformen wie Zylindern, Ellipsoiden, Kugeln oder Würfeln zusammenfügte, wofür Strang teilweise Vasen der bayrischen Porzellanfabrik Königlich Tettau verfremdet.

Der Erfolg blieb ihm auch hier treu, weil Peter Strang sich treu blieb.

Weil er mit Konsequenz und künstlerischem Verantwortungsgefühl so manche vom Zeitgeist des aktuellen Kunstmarktes hochgespülte Produkte einfach nur alt und grau aussehen lässt.